Wer jüdisches Leben erzählt
Manchmal scheint es, als würde die Weltgeschichte mit solcher Wucht auf uns eindringen, dass kaum Zeit bleibt, Luft zu holen. Für einen kurzen Moment war der Eindruck entstanden, als könnte sich im Iran etwas Entscheidendes verschieben. Es keimte die Hoffnung, dass der militärische Druck von außen, verbunden mit dem Mut vieler Iranerinnen und Iraner im Land und im Exil, das Regime in Teheran ernsthaft erschüttern könnte. Doch die Vorstellung, dass die brutale Machtstruktur, die Frauen unterdrückt, Dissidenten verfolgt, Terror exportiert und Israel seit Jahrzehnten zum Erzfeind erklärt, ins Wanken gerät, verflüchtigt sich mehr und mehr. Das Regime wirkt nicht entmachtet, sondern in manchen Bereichen beinahe wieder gefestigt. Die Revolutionsgarden, seit Langem Machtzentrum und Repressionsapparat zugleich, scheinen keineswegs verschwunden. Und Israel bleibt, was es in der Ideologie der Islamischen Republik immer war: der Feind, an dem sich die eigene Machtpolitik, die Propaganda und die Radikalisierung immer wieder neu entzünden.
Damit stellt sich die bittere Frage: Steht Israel am Ende wieder allein da? Lassen die USA Israel im Regen stehen, wenn sie auf diplomatische Zwischenlösungen setzen, die zwar Zeit gewinnen, aber die eigentliche Bedrohung nicht beseitigen? Für Israel geht es allerdings nicht darum, Zeit zu gewinnen, sondern um Existenz und Überleben, denn für Israel ist der Iran keine abstrakte Verhandlungsmasse, sondern eine ernste Bedrohung. Und im Iran selbst leiden die Menschen weiter unter dem Regime. Gleichzeitig zeigen Exiliranerinnen und Exiliraner – mutige Frauen, Studenten, Künstler, Journalisten – einmal mehr, dass es einen anderen Iran gibt, der freiheitsliebend, gebildet, säkular und widerständig ist. Martin Engelberg hat dazu mit einer österreichischen Aktivistin, Publizistin und Forscherin iranischer Herkunft gesprochen, die eine bekannte Stimme für die Demokratisierung des Iran, Menschenrechte und Zivilgesellschaft darstellt.
In Europa wird der Antisemitismus lauter, selbstverständlicher und enthemmter. Er kommt von rechts, von links, aus islamistischen Milieus, aus akademischen Kreisen, aus sozialen Medien, aus der Kunst- und Kulturszene. Er tarnt sich als moralische Überlegenheit, Antikolonialismus und „Israelkritik“. Was gestern noch als unerträgliche Grenzüberschreitung gegolten hätte, wird heute als legitime Zuspitzung entschuldigt. Begriffe werden verdreht, Geschichte wird umgeschrieben, die Shoah relativiert, Israel dämonisiert. Es sind Strömungen, die unter dem Etikett des Fortschritts alte Ressentiments neu verpacken. Die sogenannte Woke-Bewegung, radikalpalästinensischer Aktivismus an Kunstuniversitäten und die Anti-Israel-Allianzen im Kulturbetrieb sind keine Randphänomene mehr. Sie prägen Debatten, setzen Begriffe und definieren Zugehörigkeit und Ausschluss. Wer Israel zum Inbegriff des Bösen erklärt, hat meist nicht nur ein Problem mit israelischer Politik, sondern mit jüdischer Selbstbestimmung.
Im Gegensatz zu all dem ist es besonders erfreulich, dass sich Israel im World Happiness Report unter den zehn glücklichsten Staaten der Welt befindet.
NU – Jüdisches Magazin für Politik und Kultur