In den vergangenen zwei Jahren hat sich für jüdische Gemeinden in Europa – und besonders in Österreich – vieles verdüstert. Antisemitismus ist nicht neu, aber seine Gegenwart ist unmittelbarer, lauter und enthemmter geworden. Nach dem 7. Oktober 2023 und mit jedem weiteren Monat der Polarisierung erreichen Anfeindungen, Drohungen und Übergriffe eine Dichte, die das Alltagsleben spürbar verändert: Schulwege werden neu geplant, Veranstaltungen finden hinter Sicherheitskontrollen statt, Gemeindehäuser gleichen Festungen. Der Preis dafür ist nicht nur finanziell. Er ist psychisch, sozial und kulturell: Das Gefühl, selbstverständlich dazuzugehören, ist vielerorts Rissen gewichen. Für jüdische Kinder und Jugendliche bedeutet das eine frühe Lektion in Doppelbewusstsein: Sie müssen lernen, wann sie offen sein können – und wann Zurückhaltung sicherer ist. Lehrkräfte berichten von wachsender Verunsicherung, wenn die Weltlage den Klassenraum erreicht und Mitgefühl selektiv wird. Jüdische Schülerinnen und Schüler werden zu Stellvertretern einer Politik gemacht, die sie weder bestimmen noch verantworten. Wer sich rechtfertigen muss, ist schon im Nachteil.
Gleichzeitig erleben Gemeinden Ambivalenz. Einerseits entsteht neue Nähe: Nachbarschaften, Kulturhäuser, Universitäten und Kirchen setzen Zeichen der Solidarität, laden zu Gesprächen, öffnen Räume für Begegnung. Andererseits bleiben viele still – aus Unsicherheit, aus Konfliktscheu, aus Angst, in „Lager“ eingeteilt zu werden. Das Schweigen beschämt. Es bestärkt jene, die Lautstärke mit Wahrheit verwechseln, und lässt jene allein, die Schutz brauchen. Unweigerlich stellt sich die Frage: Müssen Juden Europa verlassen – und wo könnte man überhaupt in Sicherheit leben?
Dieser Frage sind wir in unserem Dossier mit Perspektiven in den verschiedenen Ländern nachgegangen. Die wunderbare Künstlerin Zenita Komad-Katz hat uns für dieses Thema, das uns alle beschäftigt, das Bild für unser Cover zur Verfügung gestellt, wofür wir uns herzlich bedanken! Danken möchte ich auch Mark Napadenski, der die verschiedenen Beiträge zu unserem Dossier koordiniert hat und ab dieser Ausgabe mit Nathan Spasić auch das Vorletzte Wort hat.
In Israel hat sich durch die Freilassung der letzten lebenden Geiseln, den Trump-Plan und die UNO-Resolution viel bewegt. Gleichzeitig hat sich die Übergabe der toten Geiseln bis zuletzt immer wieder verzögert; der Waffenstillstand ist fragil, dennoch hat sich die Stimmung im Land deutlich verbessert. Sie finden dazu in diesem Heft mehrere Berichte, u. a. hat Gerhard Jelinek dankenswerterweise den Bruder des israelischen Ministerpräsidenten, Iddo Netanyahu, interviewt. In New York hat der linkssozialistische Demokrat Zohran Mamdani die Wahlen auch mit einem beträchtlichen Stimmenanteil aus der jüdischen Gemeinde gewonnen. Und kurz vor Drucklegung dieses Hefts kam es vor einer der prominentesten Synagogen der Stadt zu lautstarken Demonstrationen mit Gewaltandrohungen. Wir werden uns im nächsten Heft diesem Thema ausführlich widmen.
Nathan Spasić war mit der mutigen Aktivistin Karoline Preisler für NU unterwegs. Sie stellt sich mitten in radikalislamische Demonstrationen, um sich so gegen Antisemitismus stark zu machen. Andrea Schurian beschäftigt sich mit der Täter-Opfer-Umkehr im Zusammenhang mit dem 7. Oktober und dem Gaza-Krieg. Katharina Stourzh stellt zwei neue Bücher vor, Margarita Godina hat Nadya Menhuin zum Gespräch getroffen. Und in Österreich neigt sich unterdessen das Johann-Strauß-Jubiläumsjahr dem Ende zu; Georg Gaugusch ist daher den jüdischen Wurzeln der Familie nachgegangen. Und last but not least waren wir bei der Verleihung des Arik-Brauer-Publizistikpreises für faire Berichterstattung und berichten auch darüber.
In diesem Sinn möchte ich mich herzlich beim gesamten NU-Team für die wunderbare Zusammenarbeit in diesem besonderen Jahr bedanken, in dem wir unsere 100. Ausgabe feiern durften – besonders auch bei Fabian Gaida für das Redaktionsmanagement. Ich wünsche Ihnen ein fröhliches Chanukka-Fest sowie ein ebenso fröhliches Weihnachtsfest, verbunden mit der Hoffnung auf friedlichere Zeiten.
Danielle Spera
